Anatomie eines Cyberangriffs

Rund 15 Unternehmer und IT-Manager aus der Region des Landkreises Altenkirchen waren am 15.06.2026 der Einladung von TraForce gefolgt. Das Thema des Tages, und gleichzeitig ein „Dauerbrenner“ in allen Diskussionen rund um die IT-Sicherheit von Unternehmen und Privatpersonen, lautete: „Anatomie eines Cyberangriffs“, und war es wert, ca. 2,5 Stunden miteinander zu verbringen, einem Bericht aus der erlebten Praxis eines solchen Angriffs zuzuhören, zu erfahren, welche Maßnahmen dieses Unternehmen anschließend ergriffen hat, und wie das „Business-Modell“ eines Cyberangriffs heutzutage strukturiert ist und funktioniert.

Ein großes, international präsentes Unternehmen aus der Automobilzuliefererindustrie, die GEDIA Automotive Group mit Stammsitz in Attendorn, schilderte den Anwesenden, wie ein Ransomware-Angriff tief in die Organisations- Produktions- und Logistikabläufe eingreift, welche unerwarteten Hürden zu bewältigen sind, und dass nicht etwa die Sicherheit und Resilienz der IT das Wichtigste im drohenden Chaos ist.

Markus Hammer, Vertriebsleiter (ret.) und zum damaligen Zeitpunkt verantwortlich für die Kommunikation:

„Sie werden sehen, dass es keine Frage ist, OB ein Angriff kommt, sondern viel mehr, WANN er erfolgt. Sie werden erleben, dass es nicht nur darauf ankommt, dass Ihre IT sicher ist, dass Ihr Backup-System funktioniert und Sie gute Partner haben, die Ihnen in den Momenten der Notlage Hilfe leisten, sondern dass es viel mehr darum geht, ein Führungsteam zu finden, das Entscheidungen in einer solchen Extremsituation treffen und umsetzen kann. Sie werden lernen, auf wen Sie sich verlassen können, und auf wen nicht. Sie werden erkennen, dass manche Mitarbeiter belastbarer sind als vorher angenommen, und andere, die sich im Tagesgeschäft bewährt haben, nicht geeignet sind und ungewollt zu den Problemen beitragen.

Welche Systeme sind „tot“, welche funktionieren noch, wenn auch eingeschränkt? Wer baut einen neuen, ungestörten internen und externen Kommunikationskanal auf? Wer redet mit Kunden und Lieferanten? Welche Ausnahmeverfahren stellen sicher, dass noch gearbeitet und produziert werden kann, wenn überhaupt? Und wer koordiniert die Kommunikation selbst? Wer muss wann anwesend zu sein, wen kann man ruhigen Gewissens zunächst nach Hause schicken? Wer trifft die Entscheidung, wie man auf Forderungen der Angreifer reagieren soll? Diese und noch viele andere Fragen stellen sich in unmittelbarer Folge eines Angriffs.

Und nach einigen Tagen und Nächten, an denen es „Schlag auf Schlag“ geht, setzen irgendwann die Emotionen ein. Schaffen wir das? Wird das Unternehmen diesen Angriff überleben? Was wird aus den Menschen, falls nicht?

Unsere Empfehlung: bereiten Sie sich vor, spielen Sie eine solche Notsituation durch, benennen Sie ein Führungsteam und lassen Sie die IT und die technischen Partner systematisch arbeiten, ohne sie mit organisatorischen Entscheidungen zu belasten. Die IT trifft keine Management-Entscheidungen. Das kann und sollte sie nicht. Das idealerweise bereits vorher zusammengestellte Führungsteam, und sei es noch so klein, ist der Dreh- und Angelpunkt der Geschehnisse. Suchen Sie Mitarbeiter aus, die „im Sturm fest stehen“. Darauf können Sie dann im organisierten Chaos aufbauen und die Situation entschärfen.“

Im Anschluss an diesen verständlicherweise emotionalen Bericht hat uns der Informationssicherheitsbeauftragte der Fa. GEDIA, Christoph Schynawa, vorgestellt, welche tiefgreifenden Veränderungen in der IT und in der gesamten Organisation des Unternehmens als Folge der Ereignisse eingeleitet und durchgeführt wurden. Das Niveau der „Awareness“ und der Sensibilisierung hat deutlich zugenommen seit damals, und die Geschäftsleitung hat ein neues Verständnis dafür entwickelt, was wirklich notwendig ist, und für welche Maßnahmen es sich lohnt, entsprechende Mittel bereitzustellen.

Als weiteren Baustein haben wir uns von einem IT-Unternehmen, das proaktive und individuelle Lösungen für IT-Sicherheit, Incident Response und Datenschutz anbietet, zeigen lassen, wie heute die Welt der organisierten Cyberkriminalität aufgebaut ist. Roland Schreckenberg und Alexander Leege von der Fa. @-yet GmbH aus Leichlingen brachten spannende und sehr detaillierte Einblicke in das „Business-Modell“ eines Cyber-Security-Vorfalls mit.

Vom automatisierten Scannen beliebiger IP-Adressen über den einträglichen Handel mit entdeckten Sicherheitslücken hin zum Eindringen in IT-Systeme und Kapern auch gut geschützter Domänen und Netzwerke, meist steckt eine professionelle Geschäftsstruktur mit hochdotierten Fachleuten hinter den Angriffen. Um dem vorzubeugen, bedarf es einer ebenso professionellen Struktur in unseren Unternehmen und Organisationen. Vorbereitung und Übung ist erforderlich, Führungsfähigkeit und Notfallmanagement können trainiert und verankert werden, bevor es zum Ernstfall kommt.

In jedem Fall ist das Top-Management aufgerufen, die erforderlichen Rahmenbedingungen zu schaffen. Dazu gehört auch die aktive Teilnahme an der Diskussion, was zur Vorsorge zur Vermeidung, oder zur Bewältigung solch existentieller Vorfälle, getan werden kann und muss.

Danke an die Referenten, danke aber auch an die Teilnehmer für das Interesse und die offene Diskussion.

Wissen, 15.06 2026 kgn

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